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Chess Classic Mainz

vom 23. Juni bis 1. Juli 2001 in Mainz

Fischer Random Chess, Ordix Open, 2 Weltmeister, Fotos, Partien und Presse


Nachstehend einige Pressemitteilungen zu den Chess Classic Mainz
mit Bericht zu Meyer-Kahlen, Computerschach-Weltmeister

Programm-Übersicht zu den Chess Classic Mainz
Von Hartmut Metz

Das Duell der Weltmeister steht im Mittelpunkt der Chess Classic Mainz (CCM) vom 23. Juni bis 1. Juli. Neben den zehn Partien zwischen Braingames-Weltmeister Wladimir Kramnik und FIDE-Weltmeister Viswanathan Anand bietet auch das restliche Programm in der Rheingoldhalle spektakuläres Schach.

Vor allem der Wettkampf im Fischer Random Chess ist ein Novum auf höchstem Niveau. Der Weltranglistenvierte Michael Adams und der auf Platz sechs notierte Peter Leko liefern sich ein ungewöhnliches Duell, bei dem Theoriekenntnisse nicht gefragt sind. Achtmal werden die Grundstellungen der Figuren ausgelost, danach geht es ohne Denkschablonen los. Der Vergleich zwischen dem Engländer und dem Ungarn, der vom 26. bis 29. Juni (Spielbeginn der ersten der je zwei Partien: 15 Uhr) das Vorprogramm zu den Weltmeistern bildet, ist mehr als reizvoll.

Auf der einen Seite gilt Adams nicht als der große Theorieexperte, der wie ein Garri Kasparow eine Eröffnungsneuerung nach der anderen entkorkt. Kommt daher dem Großmeister mit einer ELO-Zahl von 2750 die Favoritenrolle zu? Schließlich gelingt Leko keine Überraschung im Eröffnungsstadium, denn seine größere Innovationsfreude beim Ausknobeln neuer Züge für normale Turnierpartien verpufft. Dafür besitzt der 21-Jährige einen enormen Vorteil dank seines Sekundanten: Der Solinger Bundesligaspieler Artur Jussupow wagte bereits im Vorjahr bei den Chess Classic ein Experiment. Gegen das Programm Fritz on Primergy spielte der mehrfache WM-Kandidat zwei Partien im Shuffle Chess. Dies hat etwas weniger strikte Regeln als Fischer Random Chess, unterscheidet sich aber außer bei den Vorgaben für die Auslosung der Grundpositionen davon nicht. Trotz seiner 0:2-Niederlage genoss Jussupow das Match und stellte erstaunt fest: "Die Partie geht bereits nach fünf, sechs Zügen los", vermisst der 41-Jährige keineswegs ellenlange Theorievarianten. "Für manche Spieler ist diese Art Schach vielleicht eine Erleichterung, wenn sie Schablonen hassen. Sie können dabei im Meer ihrer Fantasien schwimmen".

Nicht nur wegen Jussupow gibt es keinen Zweifel an Lekos größerer Erfahrung im Fischer Random Chess. Der Weltranglistensechste aus Szeged hat in seinem Heimatland nicht nur den Erfinder dieser Spielart kennen gelernt, Leko spielte auch manche Random-Partie mit Bobby Fischer! Der geniale Weltmeister von 1972 verweigert sich normalem Turnierschach, gewährte aber dem jüngsten Großmeister in der Weltspitze einige Lektionen. Prognosen fallen daher schwer, ob sich der geübtere Leko im Fischer Random Chess durchsetzt oder Adams, dem ungewöhnliche Stellungen besser zu liegen scheinen.

Eindeutiger verteilt ist die Favoritenrolle bei den Spielen der beiden Koryphäen gegen einen Taschencomputer. "Pocket Fritz" wird ihnen am 30. Juni ab 13 Uhr sicher nicht in den jeweils zwei Partien so einheizen wie sein großer Bruder Fritz on Primergy im Vorjahr, als er der Weltelite ein 5:5 abtrotzte. Damals schlug die Software der Hamburger Firma Chessbase erstmals den Inder Anand - unterlag jedoch gegen Leko mit 0,5:1,5. Weniger Erfahrung mit Computern bringt Adams mit, er sollte aber ebenfalls dem Programm auf dem leistungsschwächeren Handheld Paroli bieten.

Herzstück der Chess Classic ist seit der ersten Organisation durch den SC Frankfurt-West 1994 das Ordix Open. In allen Kategorien gilt es als die weltweite Nummer eins unter den offenen Schnellschach- Turnieren: Bis zu 432 Teilnehmer in den Vorjahren, rund 100 Titelträger und ein beachtlicher Preisfonds für die zweitägige Veranstaltung (23./24. Juni). Die Geldpreise klettern in Mainz nochmals auf jetzt 45.000 Mark. Die Steigerung floss dabei voll in den hoch dotierten ersten Rang, der um 33 Prozent anwuchs. 10.000 Mark sollen noch mehr Weltklassespieler anlocken. Die Teilnehmerlisten zierten dabei solch klangvolle Namen wie Adams, Wassili Iwantschuk (Ukraine), Jewgeni Barejew, Peter Swidler, Alexej Drejew, Vorjahressieger Sergej Rublewski (alle Russland), Jussupow und Michail Gurewitsch (Belgien).

Damit jedoch nicht nur die Topspieler auf ihre Kosten kommen, fließen außer den Geldpreisen für die ersten 20 an die Amateure 41 Sonderpreise. Der beste Spieler mit einer ELO oder DWZ von 2201 bis 2400 gewinnt 1.500 Mark (ein Plus von 50 Prozent), der erfolgreichste von 2001 bis 2200 erhält 1.000 Mark. Das Ordix Open beginnt am Samstag, an dem fünf Runden ausgetragen werden, um 13 Uhr. Sonntags finden die Runden sechs bis elf von 10 bis 17 Uhr statt.

Spannung im Vorfeld verspricht die erneute Versteigerung von Simultanplätzen gegen die Weltmeister. Die Bieter überschlugen sich im Vorjahr bei ihren Offerten, um mit Garri Kasparow die Klingen kreuzen zu dürfen. Bis zu vierstellige Beträge boten Fans, damit sie gegen den Ex-Weltmeister zum Zug kommen. "Es hat sich gelohnt", lautete das einhellige Fazit auch derer, die dem Ausnahmekönner unterlagen. Zwischen 50 und 150 Mark erlösten die Plätze, die der SC Frankfurt-West für das Simultan mit dem Weltranglistensiebten Iwantschuk offerierte. Wer gegen Anand (23 Juni, 18.30 Uhr) oder Kramnik (24. Juni, 18.30 Uhr) spielen möchte, muss mindestens 100 Mark investieren. Die Gebote können entweder im Internet auf der Seite www.chesstigers.de abgegeben werden oder bei Turnierpräsident Hans-Walter Schmitt (Telefon wie Fax: 06196/22726). Die ersten der jeweils 20 Plätze werden Woche für Woche an das Höchstgebot vergeben. Der Hammer für die Versteigerung fällt am 31. Mai um Mitternacht.

Der Reiz des Simultans besteht nicht nur in dem Denkduell mit den Champions. Unter den 40 Kontrahenten von Anand und Kramnik soll sich auch einige Prominenz befinden. Zahlreiche Stars, die gerne Schach spielen, werden zu den Simultans eingeladen. Mit ein bisschen Glück werden die Teilnehmer dann nicht nur vom Weltmeister, sondern auch links und rechts von Sportlern wie Felix Magath und Marco Bode in die Zange genommen.

Topbesetzung beim Ordix Open
Gipfelsturm mit Weltklassespielern und Professor Eckhard Freise
Von Hartmut Metz

Das Ordix Open bei den Chess Classic Mainz weist eine exzellente Besetzung auf: An dem offenen Schnellschach-Turnier in der Rheingoldhalle am 23. (Anmeldeschluss: 12 Uhr) und 24. Juni nehmen nicht nur zwei Spieler aus den Top Ten teil. Im Kampf um die 45.000 Mark Preisgeld rechnen sich 35 Großmeister Chancen auf den ersten Platz, der mit 10.000 Mark dotiert ist, aus. Die ersten 27 Ausnahmekönner der bisherigen Meldeliste (Stand: 13. Juni) bringen einen Elo-Durchschnitt von über 2600 auf die Waage. Bei dieser Zahl sind die so genannten Super-Großmeister angesiedelt.

Die Reihe der Topfavoriten führt Michael Adams an. Der Weltranglistenvierte aus England startet vor seinem Fischern Random Match gegen Peter Leko (26. bis 29. Juni) einen erneuten Versuch, erstmals das Ordix Open zu gewinnen. Als härtester Widersacher des Masters-Gewinners der Chess Classic 2000 gilt Alexander Morosewitsch. Der Russe liegt nur einen Platz schlechter als Adams. Im Vorjahr wurde der Weltranglistenzwölfte Peter Swidler im Ordix Open Dritter, diesmal ist der dreifache russische Meister auch in der Setzliste Dritter. Die 10.000 Mark dürfen sicher auch der einfallsreiche Alexej Drejew (18./Russland) und Sergej Rublewski ins Auge fassen. Im Vorjahr überraschte der Olympiade-Sieger mit Russland und fing auf der Zielgeraden den führenden Belgier Michail Gurewitsch ab. Anschließend bewies Rublewski auch im Masters, für das er sich qualifiziert hatte, seine Klasse als Tabellenvierter.

Auch die deutsche Spitze ist beim Ordix Open stark vertreten. Fünf der sechs Großmeister, die in den Top 100 stehen, pilgern nach Mainz. Als Nummer sechs bis zehn - nur unterbrochen durch den siebtplatzierten Porzer Bundesligaspieler Rafael Waganjan (Armenien) - folgen die deutschen Asse Alexander Graf (Porz), Artur Jussupow (Solingen), Rustem Dautov (Godesberg) und Christopher Lutz (Porz). Das Quintett vervollständigt Igor Khenkin (Tegernsee). Zu den aktuellen Nationalspielern zählt überdies Klaus Bischoff (Plauen), der zum Gewinn der Silbermedaille bei der Schach-Olympiade in Istanbul beitrug. Aus dem Reigen der 13 deutschen Großmeister stechen zudem der ehemalige WM-Kandidat Vlastimil Hort (Porz), der in zahlreichen Ländern Schachsendungen moderiert, und Altmeister Wolfgang Unzicker hervor. Der Münchner feierte im Vorjahr während der Chess Classic seinen 75. Geburtstag.

Bis zu 432 Spieler tummelten sich beim Ordix Open, das vor acht Jahren erstmals ausgetragen wurde und seitdem eine rasante Entwicklung nahm. Dabei haben nicht nur die bis zu 100 Titelträger - kaum ein Turnier auf der Welt hat dermaßen viele Groß-, Internationale und Fide-Meister am Start - Aussichten auf ein erkleckliches Preisgeld. Organisator Hans-Walter Schmitt legt auch Wert darauf, dass Amateure einen netten Gewinn von bis zu 1.000 Mark in ihren Ratingklassen einstreichen können. Doch vorrangig reisen die Hobbyspieler an, um einmal gegen Topleute antreten zu dürfen - ungeachtet der fast sicheren Niederlage. Dieses Jahr haben sie wieder genügend Gelegenheiten, sich mit der Weltklasse zu messen. Die Chance nimmt auch Eckhard Freise wahr, bevor er am Samstagabend (18.30 Uhr) in der Rheingoldhalle beim Simultan gegen Weltmeister Viswanathan Anand (Indien) teilnimmt. Der Wuppertaler Professor war der erste Kandidat, der in der Jauch-Show eine Million Mark abräumte. Wie hieß der Mann, der den Neuseeländer Hillary bei der Erstbesteigung des Mount Everest begleitete? Wie Sherpa Tenzing Norgay will Freise dabei sein, wenn der Schachsport bei den Chess Classic Mainz 2001 einem neuen Gipfel entgegenstrebt.

Adams' und Lekos Gegner aus der Hosentasche
Pocket Fritz bringt Spaß, aber auch Gefahr
Von Hartmut Metz

Bei den Chess Classic Mainz (CCM) kommt es in der Rheingoldhalle am Samstag, 30. Juni (ab 13 Uhr), zu einem ganz besonderen Match Mensch gegen Maschine: Pocket Fritz heißt der kleine Bruder des Schachprogramms Fritz, der das Licht der Welt erblicken wird. Zum Einstand soll er gleich vier Partien gegen den Weltranglistenvierten Michael Adams und Peter Leko, Nummer sieben auf dem Globus, spielen. Pocket Fritz läuft auf Pocket PCs. Das sind Computer mit dem Betriebssystem Windows CE 3.0, die kaum größer als ein Taschenrechner sind und deshalb bequem in der Hand zu halten sind.

Die neueste Generation der Pocket PCs ist leistungsfähig genug, um ein vollwertiges Schachprogramm zu betreiben. Trotzdem könnte der Kontrast zum Auftritt von Fritz zu den Chess Classic des Vorjahres nicht größer sein. Zum Einsatz kam dort ein mächtiger Rechner mit acht Prozessoren und vier Gigabyte Speicher, zu jener Zeit der schnellste NT-Server der Welt. Allein die Installation der schweren Maschine auf der speziell verstärkten Bühne nahm mehrere Stunden Arbeit in Anspruch. In hart umkämpften Partien konnte der große Fritz auf der monströsen Hardware ein 5:5 in je zwei Partien gegen die Nummer zwei bis sechs der Weltrangliste erzielen. Und dieses Jahr will das Computerteam den Rechner vor jeder Partie einfach aus der Hosentasche ziehen?

Meyer-Kahlen Das mutige Experiment und die Erfolgsaussichten des Schachprogramms bewertet die Firma Chessbase noch vorsichtig. Die Schachfans dürfen trotzdem sehr spannende Partien erwarten, weil hinter Pocket Fritz ein ganz besonderer Entwickler steht: Stefan Meyer-Kahlen ist vierfacher Computerschach-Weltmeister sowie amtierender Champion.

[Anmerkung von Teleschach: das Foto zeigt Stefan Meyer-Kahlen (links), wie er von Axel Fritz (Schach.com) interviewt wird.]

Sein Programm Shredder zeichnet hohes Schachwissen aus, das die Frage der Hardware in den Hintergrund treten lässt. Auch ein Großmeister berechnet ja nicht Millionen, sondern nur ein bis zwei Stellungen pro Sekunde, dafür aber die richtigen. Gerade bei Partien zwischen Computern und Menschen kommt es auf die richtige Stellungsbeurteilung an, um die gefürchteten langfristigen Königsangriffe der menschlichen Anticomputerstrategien richtig abzuwehren. Daher soll Pocket Fritz auf das Spiel gegen Menschen und nicht auf das Spiel gegen andere Schachprogramme optimiert werden.

Das Match-Ergebnis in Mainz dürfte eher zu Gunsten von Adams und Leko enden, glaubt Stefan Meyer-Kahlen. Dennoch steht bereits jetzt fest, dass der Düsseldorfer mit dem Pocket Fritz eine Pionierleistung erbringt. Zum ersten Mal kann man ein richtig starkes Schachprogramm einfach in die Tasche stecken. Mobile Schachsoftware bietet tolle Anwendungsmöglichkeiten: Sie steht nicht nur unterwegs als Gegner zur Verfügung, sondern hilft mit starken Analysefunktionen beim Nachspielen von Partien. Auch Taktiktraining und Datenbankzugriff auf Achse sind geplant. Schach ist also eine richtige Killerapplikation für Pocket Computing. Einziger Wermutstropfen: Bei Turnieren müssen die Westentaschen- Großmeister strenges Lokalverbot erhalten, zu groß wäre die Versuchung für die Spieler, sich diskret einen Tipp zu holen.

Duell der Weltmeister in Mainz
Oberbürgermeister Beutel macht Frankfurt Chess Classic abspenstig
Von Hartmut Metz

Die Frankfurt Chess Classic sind Geschichte!
Auf dem Höhepunkt ereilte das herausragende Turnier das Ende. Zum einzigen Mal in der 150-jährigen Historie des königlichen Spiels hatte der Wettbewerb die kompletten Top Ten vereint. Doch die Fans, die in Scharen zum bedeutendsten Schnellschach-Event der Welt pilgerten, brauchen nicht zu trauern. Der Nachfolger steht bereits fest: die Chess Classic Mainz (CCM). Organisator Hans-Walter Schmitt zog kurzerhand von der hessischen Metropole in die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt. "Mainz hat den einzigen Oberbürgermeister Deutschlands, der sich bedingungslos fürs Schach einsetzt", begründet der Bad Sodener den Umzug um 25 Kilometer und verspricht ein erneut spektakuläres Programm.

Die Begeisterung von Jens Beutel hatte sich schon im Vorjahr bei den Chess Classic gezeigt. Der SPD-Politiker schwärmte von dem Denksport-Mekka und kündigte an, solch einen Event in Mainz aufbauen zu wollen. Den ehemaligen Oberliga-Schachspieler des SV Mombach, der aus beruflichen Gründen kaum noch im Verein trainiert, bestärkte dabei sicher sein außerordentliches Erfolgserlebnis gegen Garri Kasparow: Dem Weltranglistenersten aus Russland knöpfte er bei dessen Simultan eines von lediglich fünf Remis ab! Dieses Unentschieden nach nur 23 Zügen erboste Kasparow besonders, hatte er doch ansonsten mit den meisten der anderen 39 Kontrahenten leichtes Spiel.

Letzteres galt nicht für Schmitt. Obwohl er in Frankfurt binnen sieben Jahren ein bedeutendes Turnier aus dem Boden gestampft hatte, ließ die Stadt erneut wenig Unterstützung erkennen. Schon in den Vorjahren war das Sport-Dezernat kaum behilflich bei der Suche nach geeigneten wie günstigen Spielstätten. Überdies verlängerte Hauptsponsor Fujitsu Siemens sein auf drei Jahre ausgerichtetes Engagement nicht, nachdem sich der Computer-Hersteller von zahlreichen ehemaligen Siemens-Nixdorf-Topmanagern, darunter Schmitt, getrennt hatte. Einen "Glücksfall" nennt der Schach-Organisator die "Rochade" nach Mainz. "Mit der Rheingoldhalle, dem Hilton und dem Congress Centrum haben wir endlich alles unter einem Dach zusammen. Obwohl wir am schönen Rhein liegen, spielen wir trotzdem mitten in der Stadt. Das setzt in mir Euphorie frei", gesteht der Turnierpräsident der Chess Classic Mainz. Auch Beutel besitzt wenig Zweifel am "Erfolg" der Veranstaltung, zumal er tatkräftig die Bemühungen um neue Sponsoren unterstützte. Das Loch von rund einer halben Million Mark durch den Ausstieg von Fujitsu Siemens war in der Kürze der Zeit nicht komplett zu stopfen. Dank der dafür als Hauptsponsor gewonnenen Landesbank Rheinland-Pfalz schrumpft der Etat aber lediglich von 850.000 auf rund 500.000 Mark (inklusive Sachleistungen).

Trotz der geringeren Mittel ist Schmitt tatsächlich nach den kompletten Top Ten ein neuer Coup beim Debüt in Mainz gelungen: das Duell der Weltmeister! "Jede Chess Classic muss einen originellen Charakter haben und den Anspruch auf Einmaligkeit besitzen", frohlockt der 49-Jährige nach seinem jüngsten Husarenstück. Seit Viswanathan Anand den Titel des Weltverbandes FIDE gewann und Wladimir Kramnik den einst von der FIDE abtrünnigen Kasparow souverän bei der Braingames-WM schlug, träumen die Schach-Fans rund um den Globus von einem Vereinigungsmatch, das Kasparow stets abgelehnt hatte. Der Inder und der Russe gehen sich bei Turnieren nicht direkt aus dem Weg, aber Partien gegeneinander wurden seit den Titelgewinnen seltener zwischen dem "Tiger von Madras" und dem schier unbezwingbaren Moskauer. Jetzt zahlte es sich für Schmitt aus, dass er seit 1995 auf die richtigen "Pferde" gesetzt hat und um Anand und Kramnik herum ein Weltklasse-Turnier aufbaute. Die beiden Weltmeister konnten sich deshalb nicht dem Ansinnen entziehen, ein voller Prestige steckendes Schnellschach-Match auszutragen. Bereits 1998 saßen sich die Asse im Finale bei den Chess Classic gegenüber, nachdem Kasparow und der damalige Weltranglistenvierte Wassili Iwantschuk ins Spiel um Platz drei verwiesen worden waren. In einem dramatischen Showdown setzte sich Anand in der Verlängerung mit 4:3 gegen Kramnik durch. Der Vorjahressieger dürfte es in der Rheingoldhalle aber weit schwerer haben, diesen Sieg in den zehn Partien zu wiederholen. Wie ernst beide Akteure das Duell der Weltmeister vom 26. Juni bis 1. Juli (jeweils 17.30 Uhr Spielbeginn der ersten von zwei Begegnungen; sonntags 15 Uhr) nehmen, zeigte sich beim Gefeilsche um die Bedenkzeit. Erhielten die Top Ten im Vorjahr 25 Minuten für die gesamte Partie, beharrte Kramnik heuer auf zusätzliche zehn Sekunden pro ausgeführten Zug. Der zuweilen als "schneller Brüter" apostrophierte FIDE-Weltmeister Anand lenkte letztlich ein. Die Weltmeister pausieren am 26. Juni. Stattdessen soll ein attraktives Prominententurnier die Schaulustigen anlocken.

Kommt das Fernsehen nicht zum Schach, geht der Denksport eben zum Sender - wie schon beim Auftritt von Anand im Aktuellen Sport-Studio 1999. In Mainz ist der Sitz des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF). "Erste Kontakte mit dem ZDF und dem Südwestrundfunk (SWR) bestehen. Die Medienpräsenz von Schach wird sicher höher sein als allgemein üblich", klingt Beutel optimistisch. Schmitt pflichtet bei: "Natürlich glaube ich, dass sich das ZDF eine solch hochkarätige und denkwürdige Veranstaltung nicht entgehen lässt. Zudem wirkt das Rheinland-Pfalz-Fernsehen der ARD sehr interessiert. Die indischen Medien wollen mit drei Teams kommen und auch die Printmedien sind gewiss wieder zahlreich vertreten."

Das Programm der CCM vom 23. Juni bis 1. Juli umfasst weitere Höhepunkte. Eine Premiere stellt der Schnellschach-Wettkampf über acht Partien zwischen Michael Adams (England) und Peter Leko (Ungarn) im Fischer Random Chess dar. Vor den Begegnungen der Weltmeister testen der Weltranglistenvierte und -sechste dienstags bis freitags jeweils ab 15 Uhr die Idee des ehemaligen Champions Bobby Fischer. Um die ins uferlose ausartende Eröffnungstheorie einzuschränken, schlug der US-Amerikaner vor, die Grundstellung der Figuren nach bestimmten Regeln auszulosen. Das Vorprogramm am Samstag (13 Uhr) ergänzt ein Match Mensch-Maschine. Die Software des Hamburger Marktführers Chessbase soll dabei in vier Partien gegen Adams und Leko sein Können auf einem Handheld (kleiner Taschencomputer) beweisen.

Amateure können im Internet unter der Adresse www.chesstigers.de ihre eigenen Duelle mit den Weltmeistern ersteigern. Jeweils 20 der 40 Bretter in den Simultans gegen Anand (Samstag, 23. Juni, 18.30 Uhr) und Kramnik (tags darauf, 18.30 Uhr) gehen an die Meistbietenden. Das Mindestgebot liegt bei 100 Mark. Das elfrundige Ordix Open (23./24. Juni), bei dem ein hochkarätiges Feld um 45.000 Mark Preisgeld kämpft, rundet die ersten Chess Classic in Mainz ab.



© 8.96 by Gerhard Hund Update 30.06.2001